Entschuldigung

Die Meldung des rbb, dass der Amokläufer von Berlin sich bei seinen Opfern entschuldige, gibt mir Anlass zu einer sprachlichen Betrachtung: kann man sich für so eine Tat entschuldigen? Kann man sich denn überhaupt entschuldigen? Nein, kann man gar nicht.
“Ent-schuldigen”, also von Schuld entledigen, kann sich der Schuldner nur durch Begleichung seiner Schuld. Ist das nicht möglich, liegt die Möglichkeit zur Entschuldigung einzig und allein bei dem, dem man etwas schuldet. Ein “‘tschuldigung” sagt also nicht “Das hier ist meine Entschuldigung”, sondern kann nur heissen “Ich bitte dich um Entschuldigung”. Und mit der Bitte ist die ganze Angelegenheit noch nicht mal halb durchgestanden. Dazu muss erst noch die Verzeihung folgen. Interessanterweise hat sich das Wort “Verzeihung” nicht zum Reflexiv gewandelt: Anders als “ich entschuldige mich” klingt “ich verzeihe mir” für jeden seltsam.

Dass das Bitten, auch das Bitten um Entschuldigung, heutzutage anscheinend schwerer fällt denn je, zeigt sich, wenn der Anwalt des Amokläufers erklärt: “Auch für die schwere Zeit, die die Opfer mit der Aids-Gefahr durchleben müssen, entschuldige er sich.” Dass sein Mandant sich da mal nicht täuscht: ob er dafür jemals entschuldigt wird, hängt von der Fähigkeit und Bereitschaft seiner Opfer, ihm zu verzeihen, ab. Die wird mindestens voraussetzen, dass er seine Tat ehrlich bereut; so manche wird aber auch eine Wiedergutmachung fordern. Hunderprozentig wird diese jedoch gar nicht möglich sein — vor allem nicht, wenn er Opfer mit HIV infiziert hat. Spätestens dann ist Verzeihung ein Ausdruck extremer Güte.

BTW: Deshalb ist auch das Entscheidende an der Beichte keineswegs ein lapidar dahingesagtes “‘Tschuldigung, lieber Gott.”, sondern das liebende — aber ebenfalls ernsthafte Reue und den Versuch, die eigene Schuld zu begleichen, erwartende — “Ich verzeihe dir.” Gottes.